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Märchen und ihre fragwürdige Moral

Ich liebe Märchen. Ich habe Märchen schon immer geliebt, egal ob in Form eines Hörspiels, eines Films oder vorgelesen von meiner Mama. Ich höre auch heute noch Hörspiele an und einem schönen Märchenbuch kann ich nicht einfach vorbei gehen. Die meisten Geschichten haben eine Moral und können mit ein bisschen gutem Willen auch heute noch lehrreich sein. Auch wenn die Geschichten aus einer anderen Epoche stammen. Allerdings gibt es auch einige Märchen, bei denen ich mich frage ob ich die Moral nur nicht verstehe oder ob es einfach eine schlechte ist.

Einige von euch werden wissen, dass die meisten Märchen der Gebrüder Grimm und anderer Erzähler in ihrer Urform weit brutaler waren als die meisten von uns sie als Kinder gehört haben. Im Laufe der Jahre wurden brutale Elemente gekürzt und umgedichtet. Durch diese Änderungen geht aber bei manchen Geschichten auch die Moral flöten, zum Beispiel bei dem ersten Märchen meiner Auflistung:

Der Froschkönig

by asiapasek

by asiapasek

Mein ganzes Leben lang habe ich mich gefragt, was Kinder von dieser Geschichte lernen sollen. Eine kurze Inhaltsangab, falls hier tatsächlich noch jemand ist, der nicht weiß, was in „Der Froschkönig“ passiert:

Eine Prinzessin lässt versehentlich eine goldene Kugel in einen Brunnen fallen. Ein Frosch bietet ihr daraufhin an, diese Kugel aus dem Brunnen zu holen. Als Gegenleistung soll die Prinzessin den Frosch bei sich aufnehmen und wie einen Liebhaber behandeln. Vom selben Teller will er essen und in einem Bett will er mir der Prinzessin schlafen. Die Prinzessin verspricht es, läuft jedoch nachdem sie ihre Kugel zurück hat schnell ins Schloss und lässt den Frosch zurück. Als der König von der Sache erfährt befiehlt er der Tochter ihr Versprechen zu halten. Die Tochter tut wie ihr geheißen, aber als der Frosch in ihrem Bett schlafen will, wird sie wütend und wirft ihn gegen die Wand. Der Frosch verwandelt sich in einen Prinzen und heiratet die Prinzessin.

Tadaaa! Alle sind glücklich. Aber schon als Kind habe ich mich gefragt, wo hier die Moral liegt. „Sei ein Arschloch, breche Versprechen und quäle Tiere, dann bekommst du den Prinzen!“? Das scheint mir doch recht komisch. Inzwischen weiß ich auch warum. Die Geschichte endet nämlich eigentlich ein bisschen anders. Auch im Original wirft die Prinzessin den Frosch gegen die Wand, und auch im Original verwandelt er sich in einen Prinzen; allerdings wird hier nicht Hochzeit gefeiert, denn der Prinz ist tot als er sich in seine ursprüngliche Gestalt zurück verwandelt. So ergibt die Moral doch glatt ein bisschen mehr sinn. „Sei kein Arschloch, sonst geht dir vielleicht ein Prinz durch die Lappen!“


Hier noch ein paar andere Märchen mit fragwürdiger Moral:

Das hässliche Entlein

dashasslichentlein

Eigentlich meint die Geschichte vom hässlichen Entlein es ja gut. „Das du hässlich bist ist nicht so schlimm, irgendwer wird dich trotzdem lieb haben!“. Wenn ihr mich fragt, geht das Ganze aber ganz schön nach hinten los. Denn das Entlein bleibt ja nicht hässlich. Am Ende klingt die Moral für mich her so „Dass du jetzt hässlich bist ist schade, aber du hast ja noch ein paar Jahre um schön zu werden!“. Aber was ist denn mit Menschen die nicht irgendwann zum schönen Schwan werden? Sehr fragwürdig!


dastapfereschneiderlein

Das tapfere Schneiderlein & Der gestiefelte Kater

In beiden Geschichten geht es um einen gewöhnlichen jungen Mann. Der Eine ist Schneider, der Andere ist der Sohn eines Müllers, der nach dem Tod des Vaters mit einer Katze zurück bleibt. Beide Männer haben viel Glück und kommen im Leben mit Hilfe von Lügen voran. Am Ende sitzen beide auf dem Thron. Also liebe Jungs „Lügt euch bis nach ganz oben!“ ja richtig, nur die Jungs! Mädchen müssen nur fromm und schön sein, dann kommen die auch zu ihrem Prinzen. :D


Welche Märchen haben eurer Meinung nach eine fragwürdige Moral? Welche Märchen haben eine Moral, die auch heute noch vertretbar ist?

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18 Comments

  1. Ich finde ja, dass der Froschkönig ein ganz fieses Märchen ist aber aus einem anderen Grund. IN dem Märchen empfinde ich den Frosch als dermaßen erpresserisch: Du musst mich küssen, ich muss in deinem Bett schlafen etc. und die Prinzessin muss durch dass alles durch damit sie ihre Kugel wieder bekommt.!!

    • Chaosmacherin

      30. April 2016 at 13:18

      @kråkesølv, ich verstehe den Gedankengang, aber im Grunde steht es ihr ja frei. Sie könnte dann auch einfach auf die Kugel verzichten. Aber manipulativ und arschig ist das natürlich trotzdem.

  2. Vor einem Jahr habe ich ein Seminar zu Märchen gegeben und mich dabei vor allem auf Schneewittchen und Rotkäppchen gestützt. Bei Schneewittchen gibt es unzählige Versionen vor Grimm, sogar eine von einem anderen Grimm. Teils heftig brutal und nekrophil.
    Und Rotkäppchen? Das ganze Märchen dreht sich um Sex. Lauter Sexualmetaphern, teilweise sehr direkt (Perrault weist explizit darauf hin, dass Männer Wölfe sind), teilweise versteckt (direkter Weg vs umherstreifen). Das Ende der Grimms ist übrigens explizit feministisch und findet sich nur bei ihnen.

  3. „Aber was ist denn mit Menschen die nicht irgendwann zum schönen Schwan werden?“ – Ich würde die Moral vom hässlichen Entlein eher so auffassen, dass jeder schön ist oder schön sein kann. Die Moral lautet für mich eher „Verurteile andere nicht wegen ihres Aussehens“. Oder vielleicht „Auch wenn du dich nicht schön fühlst, es steckt etwas Schönes in dir, du musst es nur finden.“

    Ansonsten muss ich gestehen, dass ich wirklich gar nicht so viele Märchen kenne. Oder, besser gesagt: ich kenne sie nicht so gut; ich weiß meistens, so grob worum es geht, aber nie genau.
    Aber interessant ist die Frage auf jeden Fall, wie aktuell die Moral von Märchen noch ist :)

    • Chaosmacherin

      30. April 2016 at 13:23

      @Frau Margarete, nee so sehe ich die Moral beim hässlichen Entlein wirklich nicht. Dann hätte es irgendwie so enden müssen, dass irgendjemand es liebt obwohl es eben hässlich ist. Aber durch diese „Verwandlung“, mit der es sich im Nachhinein sogar schöner fühlt als die Enten die es vorher hänselten kommt mir das eher so vor als wären nur schöne Wesen etwas wert.

  4. Ein sehr schöner Beitrag! Endlich schreibt mal jemand etwas über die anderen Märchen und es wird nicht immer Aschenputtel als Vorbild genommen. Das richtige Ende vom Froschkönig kannte ich noch nicht, aber es macht wirklich viel mehr Sinn. :)

    • Chaosmacherin

      30. April 2016 at 13:25

      @GwynGaming, ja ich kenne wirklich sehr viele Märchen auch jenseits der Großen wie Schneewittchen, Aschenputtel, Dornröschen, Rapunzel und Rotkäppchen. Es gibt da noch so viele andere tolle Märchen außer denen. Am liebsten mag ich aber die Geschichten von Hans Christian Andersen.

  5. Bei Märchen werde ich auch ganz weich xD zum Teil war das der Grund wieso ich damals im Deutsch LK unbedingt ein Projekt über die „Romantik“ machen wollte.
    In unserer Stadtbücherei früher gab es mal ein Märchen-Regal und von einem Verlag gab es mal so eine Reihe mit richtig hübschen Cover wo es alle möglichen Märchen gab z.B. Irische Märchen usw. Auch die Hörbücher – wie du erwähnt hast – sind toll. Manchmal höre ich noch welche ^-^
    Nicht passend zum Thema Moral, aber ein in meiner Erinnerung verstörendes/seltsames Märchen ist „Das Mädchen ohne Hände“.

    • Chaosmacherin

      10. Mai 2016 at 7:31

      @Hani, „Das Mädchen ohne Hände“ kenne ich glaube ich gar nicht!? :O Das muss ich mal nachholen!

  6. Sali, Sumi.
    Irgendwann fiel mir bei der Lektüre der Märchen aus dem Hause Grimm auf, daß Handlungen der Figuren gewollt als gut oder böse deklariert werden. Wer sich „richtig“ entscheidet dem gebühren irdische Belohnungen, während alle anderen von Dornen aufgespießt werden.
    Ein Beispiel für Willkürlich gesetzte Moral ist der Prinz, der in den Palast auf einem mit Gold & Edelsteinen geplasterten Weg einreitet. Urteil des Königs: Dem Prinzen sind Schätze unwichtig, als heiratet er meine Tochter nicht des Erbes wegen. Willkürlich, weil der Knabe genau so gut auch nix von der zukünftigen Mitgift hätte beschädigen wollen.
    Den Titel des Märchens kenne ich nicht mehr, aber der Widerspruch ist mir in Erinnerung geblieben.

    Jahre später bin ich in ähnlicher Weise über diverse Geschichten im Alten Testament gestolpert. Die Willkür feiert hier Orgien.

    Der obige „Froschkönig“ ist übrigens sehr schön illustriert!

    bonté

    • Chaosmacherin

      17. Mai 2016 at 11:22

      @RoM, das Märchen kenne ich leider auch nicht. Wenn du mal raus findest welches es war, melde dich! :D

  7. Eigentlich meint die Geschichte vom hässlichen Entlein es ja gut. „Das du hässlich bist ist nicht so schlimm, irgendwer wird dich trotzdem lieb haben!“.

    Nein, das meint die Moral im hässlichen Entlein eigentlich nicht. Die Moral in diesem Kunstmärchen ist – Beurteile nie jemandem nur nach seinem Äußeren, denn es steckt oft etwas ganz anderes in ihm.

    Ansonsten – klasse Blog-Eintrag!

  8. Ohje, der arme Prinz. Das tatsächliche Ende kannte ich wirklich nicht. Blöde Prinzessin!

    Ich finde Märchen auch toll, klasse Beitrag. Ruhig noch mehr zu diesem Thema! :)

    • Chaosmacherin

      23. Juni 2016 at 8:51

      @Dany, ich bin echt ein riesen Märchen-Fan. Vielleicht fallen mir ja noch ein paar Themen ein :D

  9. Man kann sicherlich jedes Märchen so auslegen, dass man irgendeine Moral daraus ziehen kann. Kommt halt immer auf die Perspektive an, finde ich.

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