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Birdman oder die unverhoffte Macht der übertroffenen Erwartungen

Alejandro González Iñárritu und ich waren nie besondere Freunde. Große Filme wie Amores Perros, 21 Gram, Babel und Biutiful stammen aus seiner Feder. Allesamt von der Kritik gefeiert und von mir zwar durchaus zu schätzen gewusst, aber nie so geliebt wie sie es vielleicht verdient hatten. Nach Biutiful hatte ich mir sogar geschworen, nie mehr einen Film von ihm zu sehen, weil ich einfach nicht mit ihm warm wurde. Ein großes Glück, dass ich diesen Schwur gebrochen und Birdman im Kino gesehen habe.

Es ist nun schon ein paar Wochen her, dass ich Birdman mit einer relativ großen Gruppen von Freunden und Kollegen im Kino sah. Ich wollte das Erlebnis etwas sacken lassen, in der Hoffnung, dass ich meine Gedanken etwas objektiver in Worte fassen kann. Leider ist das unmöglich und wird auch in Wochen, Monaten und Jahren noch unmöglich sein.

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Riggan Thomson ist ein gealterter Schauspieler, der in jungen Jahren den Superhelden Birdman gespielt hat. Dieses alter Ego lastet schwer auf Thomsons Schultern und so ganz konnte er sich nie von dieser Rolle lösen. Nun geht Thomson den letzten versuch an, seine Kariere zu kitten. Als Regisseur am Broad Way.

Meine Erwartungen an diesen Film waren wirklich hoch. Eigentlich kann ich es gar nicht leiden, mit so super hohen Erwartungen ins Kino zu gehen. Das diese sich erfüllen ist nämlich eher selten der Fall und ich glaube übertroffen wurden meine Erwartungen noch nie. Bis ich Birdman sah…

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Von der ersten Sekunde an wurde ich in diesen Film hineingezogen und habe die Welt um mich herum vergessen. Ich habe selten so ein intensives Kino-Erlebnis gehabt. Ich muss dazu sagen, dass man mich mit langen Long Take Kamerafahrten wie in Boogie Nights oder Abbitte super fesseln kann. Durch diese Technik stecke ich immer ganz tief im Film und erlebe alles viel intensiver. Nun verrate ich hoffentlich nicht zu viel, wenn ich sage, das Birdman einem vorgaukelt ein kompletter Long Take zu sein. Es gibt abgesehen von Anfang und Ende des Films keinen sichtbaren Schnitt. An der einen oder anderen Szene hat man ein bisschen getricks, aber nichts desto trotz fühlte sich der ganze Filme wie eine nie endende Kamera fahrt an.

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Durch diese Kameratechnik, bekommt Birdman etwas von einem Theaterbesuch, was eine ganz wunderbare Parallele zum Plot des Films ist. Generell handelt es sich um einen Film, der sehr selbstreflektiert ist und das Showbiz so wie sich selbst immer wieder hinterfragt. Alleine die Tatsache, dass Michael Keaton, der Ende der 80er / Anfang der 90er Batman spielte und danach lange Zeit keinen großen Hit mehr landete, die Hauptrolle spielt ist perfekt durchdacht. Doch auch jenseits dieser Gemeinsamkeit leistet Keaton eine außergewöhnlich gute Arbeit. Auch Edward Norton, der einmal mein Lieblingsschauspieler war und Emma Stone machen ihren Job hervorragend.

Der eben beschriebene „Theater-Effekt“ wird unterstützt, durch den wunderbar aufwühlenden Schlagzeug-Soundtrack von Antonio Sanchez. Da stellt man sich auch einfach vor, dass hinter der Bühne das Schlagzeug steht munter das Stück untermalt.

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Mit der Kritik an stupiden, immer wiederkehrenden, formularischen Superheldenfilmen, die hier nur stellvertretend für generelle Remakes, Reboots, Sequels und Prequels im modernen Action-Kino gesehen werden kann, befindet sich Iñárritu am Zahn der Zeit. Und das ist nur eine, die oberflächlichste, Kritik, über die man nach Birdman sehr lange nachdenken kann.

Das Birdman aber nicht für jeden etwas ist habe ich am eigenen Leib erfahren. Acht Personen stark war die Gruppe, mit der ich im Kino war. Der Großteil war hellauf begeistert. Eine Person war weder eintäuscht noch voll von Bewunderung und zwei Personen konnten leider gar nichts mit dem Oscar-Preisgekrönten Film anfangen.

Ich für meinen Teil habe gelacht aber auch geweint. Nicht etwa weil der Film so traurig war, sondern weil ich einfach so ergriffen war, so etwas schönes und bis ins Detail perfektes zu sehen. Für mich ist Birdman perfekt! Ich mag alles daran. Leider habe ich gerade den Fehler gemacht und auf Amazon die Ein-Stern-Reviews gelesen und nun muss ich erneut weinen. Diesmal weil ich traurig bin…

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Mein Titel für diesen Post ist übrigens von diesem Blogpost der ERGOthek, wo die Autorin wohl ein ähnliches Erlebnis wie ich hatte.

Ging es noch jemandem wie mir? Oder konntet ihr vielleicht gar nichts mit dem Film anfangen? Ein verdienter Oscar?

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8 Comments

  1. Ich war schon sehr mulmig, da ich seit November schon heiß auf den Film war und als er den Oscar gewann, hatte ich ihn immer noch nicht angeschaut (Prüfungen und so … ). Meine Erwartungen sind somit nicht nur wegen der langen Zeit sondern auch wegen dem ganzen Lob bis ins Unermessliche gestiegen.

    Aber ich kann dir da nur zustimmen, er überzeugt (jedenfalls mich) trotz hohen Erwartungen und auch Wochen später würde ich den Film am liebsten nochmal anschauen. Dieses Gefühl wenn der Film anfängt, die Stimmung in die man wortwörtlich hineingesogen wird.

    Für mich ist es ein verdienter Oscar.

  2. Du triffst es auf den Punkt. Ich war auch total begeistert von dem Film, hatte allerdings nicht so hohe Erwartungen, da ich ihn direkt nach Erscheinen sah und noch kaum Reviews im Internet kursierten. (Meine Hauptbezugsquelle für Meinungsbildung über Filme :D ) Jedenfalls, ich finde den Film ebenfalls ziemlich perfekt, wobei mich Emma Stone und Edward Norton noch etwas mehr geflasht haben als Michael Keaton selbst, aber das ist ja meckern auf hohem Niveau.

    Aber jedes Mal wenn ich jetzt so tolle Reviews lese wie hier bei dir oder auf Ergothek dann will ich am liebsten auch direkt nochmal ins Kino gehen :)

  3. Ok, Sumi. Ich hatte den Film jetzt nicht auf meiner „to watch“ Liste, weil ich immer Angst habe, dass der Hype um so einen Film bei mir zu riesen Erwartungen führt und ich dann enttäuscht bin.

    Manchmal werden die Erwartungen ja auch erfüllt. Mir ging es mal ähnlich wie Dir mit Lost in Translation, ich war total begeistert von dem Film, auch heute ist das immer noch einer meiner absoluten Favoriten.

  4. Auf den Film bin ich schon dermaßen heiß! Nun auch noch nach der ERGOThek deine glühende Besprechung. Wahnsinn. Da wachsen meine Erwartungen nun auch ins Unendliche! :D

  5. Bojú, Sumi.
    Einmal davon abgesehen, daß ein Film auch trotz (!) Oscar gut sein kann; für mich waren die Entscheidungen der Academy-Mitglieder noch nie ein Kriterium. Trotz Auszeichnung bleibt ‚Das Schweigen Der Lämmer‘ öde Killer-Huldigung, beziehungsweise ‚Der Englische Patient‘ Langeweile in perfekt abgelichteten Bildern.
    Aber – wirklich guten Filmen tut auch ein verliehener Goldjunge keinen Abbruch.

    Iñárritu konnte mich bis dato einzig mit ‚Babel‘ näher interessieren – der aufgefächerten Stories wegen. Seine Landsmänner Alfonso Cuaron oder Guillermo del Toro liegen mit dem Gros Ihrer Filme weit eher auf meiner Wellenlänge.

    Herausragend erscheint mir bei ‚Birdman‘ das überintensive Spiel Emma Stones. Sozusagen meine persönliche Notiz zum Film.

    Von der Wucht eines Films in seine Story/Welt gesogen zu werden, kann ich sehr gut nachvollziehen. Wenn man/frau angesichts der Bilder, Charaktere, den dramatischen Spitzen einfach nur auf die Knie gehen möchte.
    Bei Werken wie ‚Abbitte‘, ‚In Meinem Himmel‘, die Drei-Farben-Trilogie Krzysztof Kieślowskis, Tykwers ‚Winterschläfer’…geht es mir so.
    Ich kann Deine Begeisterung bei ‚Birdman‘ bestens nachvollziehen!

    bonté

    • Chaosmacherin

      22. März 2015 at 14:52

      RoM, ich persänlich liebe ja die komplette Hannibal Lecter Saga, aber ich verstehe deinen Punkt :D

      • …es ist ja das Anmerkenswerte, daß nicht alles jedem zusagt, man/frau sich aber eingehend über Aspekte dessen unterhalten kann.

        Merci für Deine Replic.

        bonté

  6. Dieser Film ist so gut und ich kann auch bis heute nicht in Worte fassen, was er in mir ausgelöst hat. Ich war am Montag nochmal drin, da der hier in nem kleinen Kino lief.
    Ich würde zu gerne wissen, was der Regisseur uns mit dem Ende sagen wollte, ich habe so viele Vermutungen.

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